Ökumenisches Gedenken an die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft am Sonntag, 26. Januar in der katholische Kirche St. Bernhard

(pm/fsm) – Am 26. Januar 2020 um 17 Uhr gedenkt ein breites Bündnis aus Religionsgemeinschaften und Zivilgesellschaft in der Kirche St. Bernhard (Koselstraße 11-13) in einem ökumenischen Gottesdienst der Opfer des Nationalsozialismus.

Träger der Gedenkfeier, die unter dem Leitwort „Zusammen: Erinnern. Gedenken. Leben!“ steht, sind die katholische Gemeinde St. Bernhard im Nordend und die Regenbogencrew der AIDS-Hilfe Frankfurt e.V. in Kooperation mit dem Bündnis Akzeptanz und Vielfalt Frankfurt.

Zelebranten werden unter anderem der Rabbiner der Henry und Emma Budge-Stiftung Andrew Steiman, der katholische Stadtdekan Dr. Johannes zu Eltz und der evangelische Stadtkirchenpfarrer an der Sankt Katharinenkirche Dr. Olaf Lewerenz sein. Als Redner werden unter anderem der hessische Sozialminister Kai Klose (Bündnis 90/Die Grünen), der Sozialwissenschaftler Prof. Dr. Frank Nonnenmacher (Johann Wolfgang Goethe-Universität) und die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Römer, Jessica Purkhardt, erwartet.

Ein besonderer Schwerpunkt des Gedenkens wird auf der Opfergruppe der von den Nationalsozialisten als sogenannte „Asoziale“ Verfolgten liegen, die in den Konzentrationslagern einen schwarzen Winkel tragen mussten und bislang nicht offiziell als Opfergruppe anerkannt sind.

Das etwa 50 Kilometer westlich von Krakau gelegene Konzentrationslager Auschwitz wurde ab Mai 1940 bis zu seiner Befreiung durch die Rote Armee am 27. Januar 1945 von der SS im besetzten
Polen betrieben. Das zu diesem Komplex gehörende Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau war das größte deutsche Vernichtungslager während der Zeit des Nationalsozialismus. Eine Mordfabrik, zu dem einzigen Zweck errichtet, Menschenleben mit deutscher Gründlichkeit und industrieller Effizienz auszulöschen. Mehr als eine Million Unschuldige fanden dort den Tod: Frauen, Männer, Kinder – vor allem Juden. Die meisten von ihnen wurden direkt nach ihrer Ankunft ermordet, nachdem sie, oft tagelang, unter unwürdigsten Bedingungen in Güterwagons quer durch Europa gekarrt worden waren.

Die wenigen Überlebenden und ihre Nachkommen blieben in ihrer Trauer allein. Dass am Vorabend des 75. Jahrestages der Befreiung jener Stätte, deren Name zum weltweiten Synonym für den Völkermord an den europäischen Juden geworden ist, ein pluralistisches Bündnis an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert, freut Brigitte Weber, Vorsitzende des Ortsausschusses von St. Bernhard, besonders: „Das ganze Format ist ein Schlag in das barbarische Antlitz des nationalsozialistischen Weltbildes. Viele von denen, die in der ‚Volksgemeinschaft‘ der Nazis keinen Platz mehr haben sollten, werden zusammenkommen und nicht nur an das Geschehene erinnern, sondern auch die Vielfalt unserer Gesellschaft abbilden.“ Die Organisatoren wollen ein Zeichen dafür
setzen, dass es eine gesellschaftliche und religiöse Angelegenheit ist, daran zu erinnern, dass Menschen ausgegrenzt und ermordet wurden. Das ist laut Rabbiner Andrew Steiman gerade in
unserer Zeit wichtig, „in der ein überwunden geglaubter Ungeist sich wieder unverhohlen in all seiner Hässlichkeit zeigt“. Steimans Wirkungsstätte ist die Henry und Emma Budge-Stiftung in Frankfurt, das europaweit einzige christlich-jüdische Altenheim. Die in den letzten 75 Jahren erreichten Errungenschaften unserer Gesellschaft, so der Rabbiner, seien „ein Gegenentwurf zum Aufkommen des alten Ungeists“. Zu diesem Gegenentwurf gehörten die Religionsgemeinschaften genauso wie die „Ehe für alle“ und Regenbogenfamilien, weil sie uns alle stärken und den alten Ungeist stören.

Für Bruder Michael Wies vom Citykloster zeigt gerade der Umgang mit Obdachlosen, wie diametral das Deutschland der Gegenwart zum Dritten Reich steht. „Die Nationalsozialisten haben Obdachlose als ‚Asoziale‘ entrechtet, verfolgt und ermordet. Heute gibt es bundesweit unzählige karitative und staatliche Einrichtungen, die sich Menschen in Wohnungsnot annehmen und ihnen vielfältige Hilfe zuteil werden lassen“, so der Leiter des Franziskustreff, eines Treffpunkts für arme und obdachlose Menschen im Kapuzinerkloster Liebfrauen.

Dass diejenigen, die von den Nationalsozialisten als sogenannte „Asoziale“ stigmatisiert wurden, bis heute nicht offiziell als Opfergruppe anerkannt sind, ist für Lars von der Weth von der
Regenbogencrew der AIDS-Hilfe Frankfurt nicht hinnehmbar: „Dadurch, dass man diesen Menschen die offizielle Anerkennung als Opfer des Nationalsozialismus verweigert, macht man sie ein zweites Mal zu Opfern.“ Er begrüßt, dass sich inzwischen alle im Bundestag vertretenen Parteien mit Ausnahme der AfD für die Anerkennung von Wohnungslosen, Bettlern, Wanderarbeitern,
Prostituierten, Alkohol- und Suchtkranken, Gelegenheitsarbeitern, Empfängern von Sozialleistungen und Personen, die in prekären wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen lebten, als Opfer des NSRegimes ausgesprochen haben und ein entsprechender Plenarbeschluss in Kürze zu erwarten ist. Einen Grund für das lange Zögern der Politik, diese Betroffenen als Opfergruppe anzuerkennen, sieht Prof. Dr. Frank Nonnenmacher in einem langen Fortwirken nationalsozialistischer Narrative. Der emeritierte Professor für Sozialwissenschaften und Politische Bildung hat 2014 eine Doppelbiographie über seinen Vater und dessen Bruder, der als „Asozialer und Wehrunwürdiger“ im Konzentrationslager Flossenbürg interniert war, vorgelegt und wird ebenfalls bei der Gedenkfeier sprechen.

„An die Opfer zu erinnern“ heißt für den evangelische Stadtkirchenpfarrer Dr. Olaf Lewerenz, „ihre Würde wiederherzustellen und zu verhindern, dass neue Opfer entstehen.“ Zugleich mahnt er zur Wachsamkeit, weil Stereotype lange nachhallen und den Nährboden für neues Unrecht bilden können. „Es ist unsere Aufgabe, die Erinnerung an die Geschichte wach zu halten und Konsequenzen daraus für unsere Gegenwart zu ziehen. Aus der Verantwortung für unsere Geschichte heraus müssen wir wachsam sein, dass sich nicht wiederholt, was einst so grausam endete.“

Der katholische Frankfurter Stadtdekan Dr. Johannes zu Eltz weist auf die Bedeutung des Wortes „asozial“ hin und sieht darin die gemeinsame Klammer für alle Opfer des Nationalsozialismus.
„‚Asozial‘ heißt so viel wie ‚außerhalb der Gesellschaft stehend‘. Das ist es, was alle Opfergruppen eint. Denn so unterschiedlich ihre Biographien im Einzelnen auch waren, so ist allen Opfern doch
gemeinsam, dass ihnen von der nationalsozialistischen Weltanschauung die Befähigung und das Recht zum Leben in der ‚Volksgemeinschaft‘ abgesprochen und aberkannt wurde und sie gewaltsam aus der Gesellschaft herausgedrängt wurden – zuerst verbal und dann ganz real.“

An das Gedenken in der Kirche wird sich ein Gedenklauf zum ehemaligen Polizeigefängnis Klapperfeld anschließen, in dem von den Nationalsozialisten Verfolgte von der Gestapo verhört und
misshandelt wurden. Für Petra Löbermann, Gemeindereferentin von St. Bernhard, schließt sich damit ein Kreis des Erinnerns: „In der Nazizeit war die Kirche St. Bernhard ein Ort der Begegnung und des Widerstandes. Unser damaliger Pfarrer Alois Eckert, seine Kapläne und andere Mitarbeiter hatten wiederholt unter Verfolgungsmaßnahmen zu leiden. Eckert wurde 1937 zu einer halbjährigen Gefängnisstrafe verurteilt, unser Pfarrjungscharführer Bernhard Becker nahm sich am 27. November 1937 nach Folterungen durch die Gestapo im Gefängnis in der Hammelgasse das Leben.“

Britta von der Recke vom Bündnis Akzeptanz und Vielfalt Frankfurt ergänzte: „Zahlreiche Verfolgte des nationalsozialistischen Regimes wurden hier inhaftiert, gefoltert und manche sogar ermordet. Das ehemalige Polizeigefängnis Klapperfeld ist ein mahnendes Beispiel dafür, wie Schweigen und Wegschauen gegenüber Unrecht, Gewalt in die Endlosigkeiten münden lassen kann. “

Für Christian Gaa vom selben Bündnis ist klar: „Egal wer angefeindet wird: Wir müssen hinsehen. Wir müssen hinhören. Wir müssen laut werden.“