Ernst Gerhardt über seine Erinnerung an die alte und seine Gefühle für die neue Altstadt

(pm/fma) – Jeden Sonntag um 10 Uhr besucht Ernst Gerhardt, der Grandseigneur der Frankfurter Kommunalpolitik, die Messe im Frankfurter Dom. Seit Mai dieses Jahres führt ihn sein Weg durch die neue Altstadt – ein Umstand, den er jedes Mal sehr genießt.

Gerhardt, 1921 im Stadtteil Bockenheim geboren, ist einer der wenigen Frankfurter, die sich noch an die Altstadt vor ihrer Zerstörung im Zweiten Weltkrieg erinnern. Seit 1956 als Mitglied der Stadtverordnetenversammlung, vier Jahre später als hauptamtliches Magistratsmitglied und von 1978 bis 1989 als Frankfurts Stadtkämmerer, hat er die wechselvolle Geschichte des Areals zwischen Dom und Römer in den vergangenen 70 Jahren als Bürger und Stadtpolitiker erlebt und mitgeprägt.

Hier blickt er zurück in die Zeit vor dem Krieg, erinnert sich an die Aufbruchstimmung der Nachkriegsjahre und an endlose Debatten über die Zukunft des Viertels.

Was für ein Ort war die alte Altstadt?

„Sie war in einem Sanierungszustand. Die hygienischen Verhältnisse in den alten Häusern waren nicht vorbildlich, eben ihrem Alter gerecht, wie in vielen mittelalterlichen Städten zu dieser Zeit. Unter den Frankfurtern sagte man ‚östlich vom Dom stinkt’s‘. Bereits unter Oberbürgermeister Ludwig Landmann wurde darum mit der Sanierung des Viertels begonnen, Straßenzüge wurden für eine bessere Durchlüftung abgerissen. Wohnen wollte man dort nicht, aber die Frankfurter sind gern in den Gassen rund um den Römer ausgegangen. Es gab viele gemütliche Gastwirtschaften, bei Brautpaaren war die „Alte Eule“ sehr beliebt. Ich habe den Abschluss meiner Lehrzeit als Kaufmann in der Altstadt gefeiert. Es gab auch damals schon Führungen durch das Viertel, an denen ich oft und gern teilgenommen habe.“

Die Zerstörung der Altstadt erlebte Gerhardt nicht in seiner Heimatstadt Frankfurt. Er war während des Krieges bei der Marine-Flak in Kiel als Schreibstubenunteroffizier eingesetzt. Nur wenige Tage nach den verheerenden Bombenangriffen im März 1944 reiste er nach Hause. „Ich ging in die Altstadt und stieg auf einen glühenden Berg Trümmer. Es war ein Bild des Jammers. In meiner Seele war ich sehr, sehr traurig.“ Seine Wohnung in Bockenheim blieb unversehrt. Und so konnte Gerhardt nach Kriegsende in seine eigenen vier Wände zurückkehren.

Welche Stimmung herrschte in Frankfurt nach dem Krieg?

„Die Menschen haben das Ende des Krieges herbeigesehnt, waren glücklich, als er endlich zu Ende war. Sie waren froh über jeden Beginn einer wirtschaftlichen Tätigkeit, wollten wieder Geld verdienen, ihrer Arbeit nachgehen, wieder einen Alltag haben. Ich ging direkt nach meiner Rückkehr aus Kiel zu meiner alten Firma Braun in Bockenheim, wollte sofort wieder als Kaufmann arbeiten.“

Haben die Frankfurter ihrer Altstadt nachgetrauert?

„Sie haben nicht gejammert. Ihnen ging es ums Überleben. Schon direkt nach Kriegsende wurden Wiederaufbaupläne für das Viertel entwickelt, doch das Interesse der Bevölkerung war nicht groß genug, als dass diese Pläne hätten Kraft für ihre Umsetzung entwickeln können. Erst mit zunehmendem Abstand zum Krieg konnten sich die Menschen diesen Ideen zuwenden.“

Das Gelände der zerstörten Altstadt lag Jahrzehnte lang brach, wurde als Festplatz und wie viele andere Brachen in den Zeiten zunehmender Motorisierung auch als Parkplatz genutzt.

Welche Pläne wurden in dieser Zeit im Magistrat diskutiert? Wie war die Reaktion der Bürger als die Entscheidung für das Technische Rathaus fiel?

„Es wurde debattiert ohne Ende. An einen historisch gerechten Wiederaufbau hat damals aber niemand gedacht. Vielmehr sollte Frankfurt eine zeitgerechte Stadt sein. Mit dem Technischen Rathaus, das 1974 eröffnet wurde, sollte es eine moderne Mitte bekommen. Bei den Frankfurtern stieß sein Bau nicht auf Begeisterung, aber auch nicht auf Ablehnung. Sie haben sich damit abgefunden.“

Das Technische Rathaus galt kaum 30 Jahre nach seiner Eröffnung bereits als marode. Eine erneute Debatte begann: Was tun mit dem Gebäude, dem Areal? Abtragen, umnutzen oder gar abreißen? Und wenn abreißen, was neu bauen – einen Stadtkern, der dem architektonischen Zeitgeist der Nullerjahre entsprach? Oder etwa doch eine Altstadt nach historischem Vorbild?

Wie standen Sie der Idee gegenüber, die Altstadt wieder aufzubauen? Und was halten Sie von dem Ergebnis?

„Es wäre vermessen zu sagen, ich wäre ein Kämpfer für die neue Altstadt gewesen. Ich fand den Gedanken sympathisch und habe die Idee unterstützt. Dass die Pläne dann auf so große Zustimmung stießen, fand ich hochsympathisch. Das Ergebnis gefällt mir sehr, das Nebeneinander von historisch und modern – das wird Bestand haben.“

Sechs Jahre des Bauens sind vergangen bis zur Eröffnung von Frankfurts neuer Mitte. In dieser Zeit wurden andernorts in der Stadt wiederum in die Jahre gekommene, im Stadtbild fest verankerte Gebäude wie der Henninger Turm abgerissen, neue Landmarken wie die EZB im Ostend entstanden. In Frankfurt herrscht permanenter Wandel.

Wie lebt es sich in einer Stadt, die sich allein in Ihrer Lebenszeit mehr als einmal neu erfunden hat?

„Permanenter Wandel ist das Schicksal einer Stadt. Und erst recht ein Frankfurter Schicksal. Heute sind wir Sitz eines Weltflughafens, als ich Kind war, starteten die Flugzeuge am kleinen Flugplatz Rebstock. Was für die Entwicklung der Stadt nötig war, wurde in Frankfurt gemacht. Wenn eine Stadt sich nicht mehr im Wandel befindet, ist sie nicht mehr interessant.“

Wenn Sie heute durch die neue Altstadt gehen – welche Gefühle kommen bei Ihnen auf?

„Ich bin überglücklich.“

Die Fragen stellte: Anja Prechel